Gauri Shankar – so nah und doch so weit
Black Diamond Athlet David Göttler hat in Nepal eine Erstbegehung versucht und muss nochmal hin.
Im Frühjahr 2011 ist David Göttler gemeinsam mit Stefan Glowacz und Klaus Fengler zu einer Expedition an die Gauri Shankar Südwand (7‘146m) in Nepal aufgebrochen, um dort eine neue Route zu begehen. Der 32-jährige Münchner gibt seiner Leidenschaft für die Berge im Expeditionstagebuch und den tollen Bildern Ausdruck. Gauri und Shankar sind die Beinamen der hinduistischen Gottheiten Parvati und Shiva; wenn das gut kommt.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell Frustration und Enttäuschung in den Hintergrund wandern, vor allem beim Expeditionen! Die Frustration erlebte ich dieses Frühjahr. Stefan Glowacz, Klaus Fengler und ich hatten mit Sicherheit ein sehr ehrgeiziges und großes Ziel, vielleicht sogar ein unmögliches und doch waren wir seit der 1. Minute davon gefangen. Ich hatte die Südwand des 7100m hohen Gauri Shankars bei zwei vergangenen Aufenthalten im Rolwaling Tal (Nepal) von weitem gesehen und studiert. Die 1800m hohe, komplizierte Felswand fasziniert jeden Bergsteiger.
Tagebucheintrag 04.05.2011
Wir sind in einem engen Tal umringt von vorgelagerten Bergen und Graten des Gauri Shankars. Ein wunderschöner Platz, leider auf gerade mal 3600m, dafür geschützt unter einem großem Felsblock, der uns auch die ganze Zeit vor den täglichen Schauern und Gewittern trocken hält. Unsere Zelte stehen dicht an der Felswand und bekommen so nur bei wirklich starkem Regen ein wenig Nass von oben ab. Wie fühlen uns wie Allibaba und seine 40 Räuber, wobei dazu natürlich noch 35 Mann mehr von Nöten wären. 6 Mann bringen wir selber zusammen: Stefan, Klaus und ich. Zudem unser Koch Dhal Baradur und seine Küchenhelfer Zandra und Nauwang, die uns im Basislager vorzüglich versorgen.
Nachdem wir die enge und steile Schlucht hoch mit all unseren Trägern geschafft haben, erkunden wir den Zustieg genauer. Es geht unglaublich direkt vom Basislager aus los. Erst über steile, mit drei kleinen Kletterpassagen versehene Grashänge und Felsstufen hoch, dann über einen kleinen Gletscher zum Wandfuß. Das wäre geschafft! Das Lager richten wir auf 4600m ein und die Klettersachen deponieren wir am Wandfuss. 5 Tage haben wir gebraucht, um soweit zu kommen.
Tagebucheintrag 06.05.2011
Heute haben wir den ersten Waschtag gehabt, duschen und Wäsche waschen war vormittags angesagt. Jetzt warten wir auf einen ersten Wetterbericht von Karl Gabel für die kommenden Tage. Falls er gut ist, werden wir morgen starten und versuchen, die erste Steilstufe des Pfeilers zu erklettern, dort oben dann unser nächstes Lager zu machen und unsere Akklimatisation weiter voran treiben. Bis jetzt geht es uns allen gut. Auch die Höhen-Novizen Stefan und Klaus kommen gut zurecht. Beide haben mit 5000m gestern ihren persönlichen Rekord aufgestellt.
Einzig das Wetter zerrt sehr stark an unseren Nerven. Seit wir hier sind, hat es keinen Tag ohne Niederschlag gegeben: Gewitter, starker Regen bis hin zu Schneefall werden uns täglich und mit Sicherheit ab Mittag serviert. Die gesamte Gauri Shanker Südwand ist dadurch immer in ein weißes Kleid gehüllt. Solange es nicht stabiler wird, werden wir wohl vergebene Liebesmühe in die Wand investieren. Trotzdem läuft bis jetzt alles nach unseren Vorstellungen und wir werden weiterhin versuchen, uns hier so teuer wie möglich zu verkaufen. Meine Stimmung schwankt immer zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt, je nach Wetter.
Wir sind alle gespannt, was die ersten Klettermeter bringen werden. Mit unserem riesigen Fernrohr schaut es jedenfalls viel versprechend aus. Auch Lagerplätze scheint es gute und sichere auf dem Pfeiler zu geben. Wir werden es hoffentlich bald genauer wissen.
Tagebucheintrag 08.05.2011
Enttäuschung, Ärger und Frustration beschreiben ganz gut meine Gemütslage an dem heutigen Tag. Wir haben die letzten drei Tage oben am Berg, bzw. an dessen Fuss auf 5050m verbracht. Wir haben Fixseile und Equipment hochgetragen, mit knietiefem und durchfeuchtetem Schnee gekämpft, mühsam die Spur jeden Tag auf´s Neue getreten. Alles umsonst. Nur wenige Meter hat uns der Gauri Shankar an seinem Pfeiler hochkommen lassen. Wir haben zwei Varianten probiert, doch die Verhältnisse sind leider nicht auf unserer Seite gewesen. Einmal eine Felsvariante, welche aber durch den täglichen Neuschnee ab Mittag nicht zu klettern war und eine Eisvariante, die aber nur losen, senkrechten Schnee zu bieten hatte. Mühsam habe ich mich hochgefürchtet. Aber bei einer 1800m Wand ein Tempo hinzulegen, bzw. Schwierigkeiten vorzufinden, die 1 Seillänge pro Stunde zu lassen, haben uns kapitulieren lassen. Wir haben drei Tage lang unsere Möglichkeiten probiert und wollten es nicht wahr haben.
Klar hadern wir mit unserem Schicksal und fragen uns, ob wir einen Fehler gemacht, ob wir nicht hart genug gekämpft, ob wir wirklich alles probiert haben? Oder hätten wir vorher wissen müssen, daß es aussichtslos ist, durch die Wand zu klettern?
Wir wussten, daß es ein gewaltiges Projekt war und die Erfolgsaussichten eher gering waren. Aber wir wollten es probieren. Neuland zu betreten, heißt auch immer, ein großes Wagnis einzugehen. Das Positive ist, dass wir für die Wand wichtige Erfahrungen sammeln konnten, die für eine nächste Expedition Gold wert sind. So zum Beispiel lieben die Chancen bei stabiler Wetterlage viel besser, da man im Felsen sicher schneller an Höhe gewinnen kann.
Es wird ein Weilchen dauern, bis ich die Enttäuschung verarbeitet habe, aber am Ende wird sie ein Stück meines Weges werden. Danke an alle, die an mich und uns geglaubt und uns unterstütz haben. Allen voran Carine und meine Familie, meine Freunde und Sponsoren. Danke an Ralf, Gerlinde und Nicola von Amical Alpin und an alle bei Thamserku Trekking in Nepal!
Und am Ende? Nach 16 Tagen mit Regen, Schnee und Gewitter im Basislager und am Berg, nach mühsamen Materialtransporten über die 1500 Höhenmetern zum Einstieg, immer wieder das Spuren durch feuchten, tiefen Schnee, was bleibt da in Erinnerung?
Es bleiben die Momente, wo wir voller Hoffnung, Motivation und Zuversicht waren. Einen Plan, eine Geschichte, die wir vollenden wollen. Wir haben die Tür aufgestoßen, wenn auch nur einen winzigen Spalt und wenn gleich die Aussicht auf Erfolg auch bei einem weiteren Versuch nicht sehr viel höher ist, haben wir so viele Informationen, Erfahrungen und Ideen gewonnen, dass es irgendwie verwerflich wäre, diese nicht zu nutzen. So werden wir möglichst bald wieder die Steigeisen und Eisgeräte, die Kletterausrüstung und Zelte checken, packen und nach Nepal schicken. Wir wollen unsere Träume leben! Das ist das Wunderbare am Bergsteigen!
David Göttler