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8. Mär. 2010, 8:53 Uhr

DER WEG DES WIDERSTANDS: Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson versuchen die erste und schwerste freie Begehung am El Cap

Wann ist eine Route nicht mehr kletterbar, die Griffe zu klein und die Risse zu dünn? Die Black Diamond-Athleten Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson haben im vergangenen Herbst diese physikalischen und psychischen Grenzen ausgelotet, während sie fast zwei Monate lang daran arbeiteten, eine Route an der Südostwand des El Capitan frei zu begehen. Diese 900-Meter-Route (eine Verbindung von Abschnitten der Dawn Wall und Mescalito) ist möglicherweise die schwerste Sportkletterroute durch eine Bigwall auf der Welt, gespickt mit vielen Seillängen im Schwierigkeitsgrad 5.14.

Nachfolgend findest du den Bericht, den Caldwell für unsere Free Climbing Broschüre 2010 geschrieben hat. Der Bericht umfasst Infos zum verwendeten Material während der Begehungsversuche sowie exklusive Fotos des Fotografs Tim Kemple.

Um eine Kopie der Free Climbing Broschüre 2010 zu bestellen, sende einfach eine E-Mail an unseren Kundenservice unter climb@blackdiamond.eu, und es wird dir ein Exemplar zugesendet. Du kannst die Broschüre aber auch im PDF-Format hier herunterladen.


tommy caldwell
Der Weg des Widerstands
von Tommy Caldwell

Ein beunruhigendes Gefühl umgibt mein kleines, einsames Heim hier in 600 Metern Höhe. Dies ist mein dritter Wintertag in der Mitte des El Cap - allein.
Die beiden letzten Tage bin ich früh aufgewacht, sobald die aufgehende Sonne begann, mein Hängecamp zu erwärmen. Heute folgt einem kurzen Moment der Gemütlichkeit ungewisse Nervosität, während ich das schmelzende Eis betrachte, das sich während der Nacht an der Wand über mir gebildet hat und nun auf mich herunterzufallen beginnt. Ich verschliesse mein Portaledge Fly und verstecke meinen Kopf im Schlafsack - ein wager Versuch, der Ausgesetztheit, dem kalten Wind und den Gedanken an herabfallende Eisschollen zu entkommen. Der von mir gewählte Pfad ist kein einfacher, aber ich brauche diese Herausforderung. Also denke ich mir diese ambitionierten Projekte aus, um an meine Grenzen zu gehen - dabei blühe ich richtig auf.

Mir ist vollkommen bewusst, dass eine freie Begehung der Dawn Wall des El Capitan unwahrscheinlich ist. Tausende Meter von blankem, steilen Granit, ohne wirkliche Schwachpunkte, die man ausnutzen könnte. Eine freie Begehung der Dawn Wall würde einen Quantensprung für das bedeuten, was in der Welt des freien Bigwall-Kletterns für möglich gehalten wird. Ich habe einen nicht unerheblichen Teil der letzten zwei Jahre hier verbracht. Entweder solo von unten (mit Seil), abgeseilt von oben, herumschwingend, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die einzelnen Passagen frei zu klettern. Ich versuche in dieser Route, ein Umdenken zu erzwingen, aber die Vorstellung, mindestens sieben Seillängen von 5.14 bis 5.14+ und weitere zehn im Bereich 5.13 miteinander verbinden zu müssen, ist einschüchternd. Mehrere Male schon habe ich aufgegeben und mich anderen Projekten gewidmet, in der Sorge, zu viel Zeit für etwas zu verschwenden, was einfach nicht möglich oder für mich nicht realisierbar ist. Aber ich habe schon so viel investiert und kann der magnetischen Anziehungskraft des El Cap einfach nicht widerstehen.  Jetzt, nach zweieinhalb Jahren glaube ich, dass ich eine Möglichkeit gefunden habe und alle Passagen gelöst habe.
Aber die Reise ist noch lange nicht vorbei.

In der Nachsaison sitze ich zuhause und denke an die Begeisterung, als ich zum ersten Mal den 2,40 Meter Dynamo zur Seite halten konnte oder als ich diese unwahrscheinlich kleine Reihe an Leisten gefunden habe, um eine Passage zu überwinden, die ich für komplett blank gehalten hatte. Bei dem Gedanken bekomme ich feuchte Finger und renne sofort in den staubigen Abstellraum meiner 55 qm grossen Hütte, um am Hangelbrett Klimmzüge an Minileisten zu trainieren und lege noch einen Satz Sit-ups drauf, bis meine Muskeln vor Müdigkeit zittern.
Ich weiss, dass ich für diesen Heiligen Gral am El Cap noch härter trainieren und noch mehr Ausdauer bekommen muss. Ich schlüpfe in meine Laufschuhe und blicke aufs Outdoor-Thermometer. Minus 12 Grad Celsius. Vor der Türe schlägt mir eine Sturmböe direkt ins Gesicht. Ich ziehe meinen Kopf zwischen die Schultern und beginne zu laufen.

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