Journal



25. Aug. 2010, 8:54 Uhr

BD-Athlet Nico Favresse berichtet von einer 850 m freien Begehung einer Bigwall an der Steilküste von Grönland

Black Diamond-Athlet Nico Favresse, seinem Bruder Olivier, Sean Vilanueva und Ben Ditto gelingt freie Begehung einer 850 Meter hohen massiven Granitwand an der Küste von Grönland. Nachfolgend Nicos Bericht von diesem Abenteuer und einige tolle Fotos von Ditto.


nico

Am 12. Juli beschlossen wir, die „unmögliche Wand" zu klettern. Nach acht Tagen erreichten wir am 22. Juli den Gipfel. Wie ist es möglich, fragt ihr euch nun, elf Tage in acht Tagen unterzubringen? Die Antwort liegt in der Mitternachtssonne und den 30 Stunden langen Tagen oder Nächten oder wie man es halt nennen will. Unsere Anstrengungen an der Wand und auf unseren Musikinstrumenten ergaben in Summe die wahrscheinlich abenteuerlichste Route, die wir je begangen hatten. Alles gab es da zu haben: Risse mit Grasbüscheln, Risse mit schwammigen Moospolstern, mit Flechten überzogene Platten, Vogeldreck und eine integrierte Dusche. Es regnete auf uns herab, die Vögel schissen und spieen auf uns herab. Nun wissen wir auch, warum die Wand bei den Lokals „Mövenwand" heisst.

„Klettert diese Wand und lasst euch erst wieder blicken, wenn ihr es geschafft habt!" Diese Worte brüllte uns Captain Reverend Bob hinterher, als wir am 12. Juli vom Boot aus direkt in die Wand einstiegen. Captain Reverend Bobs Unterstützung unseres Projekts war kompromisslos, und er setzte mehr als ein Mal sein Boot für uns aufs Spiel. Für die ersten Risse hätten wir einen Rasenmäher gebraucht. Leider hatten wir keinen dabei, also musste ein Eisgerät die Arbeit erledigen. Um den abenteuerlichen Charakter der Route zu erhalten, gingen wir sehr zurückhaltend damit um.

nico
Jede Seillänge der 850 Meter hohen Wand bot unglaublich schöne, durchgehend anstrengende und herausfordernde Kletterei an Granit von bester Qualität. Wir sind total glücklich, dass wir diese Linie frei klettern konnten (sofern ein Griff ins Gras als frei akzeptiert wird). Wir beschlossen, diese neue Route „The Devil's Brew" zu nennen, nach einem kleinen Geschenk, das wir Bob bei unserem ersten Teffen überreicht hatten und das er so nennt. Ausserdem ähnelt dieses Gebräu hinsichtlich Farbe und Geschmack dem Wasser, das in der Wand aus einem schwarzen Loch herausrann.nico
Eines der grössten Fragezeichen dieser Linie war eine grosse, misteriöse schwarze und überhängende Höhle. Je näher wir herankletterten, desto furchterregender und einschüchternder wirkte sie auf uns. Nach unserem zweiten Tag in der Wand begann es stark zu regnen... sehr stark. Zunächst waren wir noch glücklich damit, denn auf diese Weise hatten wir Zeit Musik zu machen und unseren Aufenthalt dort zu geniessen. Am zweiten Tag wurde allmählich alles nass und es wurde spannend. Am dritten Tag hörte der Regen auf, aber es fiel immer noch Wasser auf uns herab... anscheinend hatten wir unsere Portaledge genau unter einem Wasserfall aufgehängt, der aus dem schwarzen Loch auf uns herabgoss. Der Vorteil von fliessendem Wasser mit Vogelkotgeschmack hatte in der letzten Seillänge noch unangenehme Nachwirkungen. Dies möchten wir an dieser Stelle jedoch lieber nicht genauer ausführen... das schwarze Loch wurde jedoch noch etwas dunkler.

Das Klettern an dieser Wand war wie Klettern im Himmel. Direkt über dem Meer zu klettern, mit seinem ständig wechselnden Farbenspiel von dunkelblau zu hellblau, manchmal sogar schwarz, als der Regensturm über uns hinweg zog, war überwältigend. Zum täglichen Schauspiel gehörten ausserdem riesige Eisberge, die an uns vorbei trieben und auseinander brachen, und Wolken, die sich über uns auftürmten, nach unten ausdehnten und schliesslich das Wasser hinter einem Wolkenmeer versteckten.
nico

Wir sind besonders stolz darauf, dass wir keine Spuren hinterlassen haben: Keine Bohrhaken, keine Normalhaken, keine Reepschnüre. Die einzigen Extras, die Wiederholer in der Wand finden könnten, sind ein paar Habichtfalken. Aber auch die sind inzwischen sicher weitergezogen. Am Gipfel verliessen wir die Route mit unserer gesamten Ausrüstung und Portaledges und wanderten zur Küste zurück, um unser Abenteuer mit Sekt und frisch gefangenem Fisch zu feiern. Später in dieser Nacht wurden wir von einem tobenden Sturm geweckt, der noch einige Tage andauern sollte. Wir hatten Glück, dass wir nicht in der Wand davon heimgesucht wurden.

Nun segeln wir weiter Richtung Süden, um die Fjorde zu erkunden. Hoffentlich finden wir noch mehr Bigwalls, die sich für weitere Kletterabenteuer eignen, bevor wir über den Atlantik zurück segeln.

Photos