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Babsi Zangerl und Jacopo Larcher wiederholen Magic Mushroom (VI 5.14a/8b+) am El Cap

Wednesday, Juli 18, 2018
Black Diamond-Athletin Babsi Zangerl und Ambassador Jacopo Larcher gehörten bereits zu den erfolgreichsten Bigwall-Teams mit freien Begehungen in der Geschichte des Kletterns. Die ikonischen Routen El Nino (VI 5.13c A0/8a+) und Zodiac (VI 5.13d/8b) am El Cap hatten die beiden schon abgehakt. Im vergangenen Dezember jedoch beschlossen sie, noch eins draufzugeben und versuchten, sich die begehrte zweite freie Begehung von Tommy Caldwells Magic Mushroom (VI 5.14a/8b+) zu holen. Mit 28 Seillängen, von denen fast die Hälfte zwischen 8a und 8b liegt, gilt Magic Mushroom als die zweitschwerste Route am El Cap. „Es hat sich unmöglich angefühlt“, sagte Babsi nach den ersten Versuchen in der Route. Aber das Team gab nicht so schnell auf. Babsi und Jacopo setzten sich mit der ungewöhnlichen Kletterei auseinander und konnten nach 11 Tagen die Route toppen und ihren Platz im Pantheon der Tradkletterelite festigen. Der Film Louder Than 11 zeigt die Schwierigkeiten, Entbehrungen und schließlich die Belohnung in Form der zweiten freien Begehung der Magic Mushroom am El Cap.
Video: Louder Than 11


Vierzig Meter unter dem Gipfel lag plötzlich in Reichweite, was zuvor unmöglich erschien. Ich hätte nie gedacht, dass ich alle Seillängen im Durchstieg klettern und unser Ziel erreichen könnte.

Heute ist der neunte Tag in der Wand und wir sind beide müde von den vergangenen Klettertagen. Aber unsere Motivation ist grösser denn je. Die Sonne scheint und wir entspannen auf unserer Portaledge. Das Wetter ist auf unserer Seite. Obwohl es viel zu warm ist, um die nächste Seillänge in der Sonne zu versuchen, haben wir nachts perfekte Bedingungen. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, auf den Sonnenuntergang zu warten, und immer wieder wandern unsere Augen nach oben zur letzten grossen Herausforderung der Magic Mushroom – die Seven Seas genannte 8b+ Seillänge kurz vor dem Ausstieg.

Obwohl ich versuche, mir jeden einzelnen Zug einzuprägen, komme ich anscheinend immer an einen Punkt, an dem ich zu zweifeln beginne, ob ich das schaffen kann. Meine Aufregung ist grösser denn je und noch nie habe ich eine Route so sehr klettern wollen.

Die Gedanken an ein Scheitern und die Vorstellung, nächstes Jahr einen erneuten Versuch starten zu müssen erscheinen gleichzeitig absurd und wahrscheinlich. Nochmal von vorne anfangen, mit 900 Klettermetern, 13 Seillängen über 8a und kaum feste Sicherungen...


Foto: Jon Glassberg

Unter diesen Umständen erscheint die Chance, die Route jetzt klettern zu können wie ein Geschenk. Jacopo war zuversichtlich. Er hatte alle Züge ausgecheckt und eine perfekte Lösung für die Crux kurz vor dem Stand gefunden.

Aber ich hatte Zweifel und war besorgt, dass ich an der 27. Seillänge scheitern könnte.

Als wir am 10. Oktober im Yosemite ankamen, waren wir noch nicht sicher, welche Route wir probieren sollten. Wir hatten uns nur auf den El Cap festgelegt, denn dort ist jede Route einfach genial. Mein grosser Traum war, die Nose zu klettern, während Jacopo ein Auge auf die Magic Mushroom geworfen hatte, die eine steile Wand etwas weiter links ziert. Natürlich hat mich diese Route auch sehr interessiert, aber als ich zum ersten Mal das Topo gesehen habe, ist mir fast das Herz stehen geblieben! So viele schwere Seillängen und die meisten im oberen Bereich des El Capitan – das hörte sich eher nach einem zeitaufwändigen Projekt an. Mir war sofort klar, dass es ein äusserst schwieriges Unterfangen sein würde, möglicherweise jenseits meines Kletterkönnens, aber gleichzeitig war ich neugierig und wollte es einfach versuchen.

Als wir zum ersten Mal unter dem El Cap standen, verabschiedeten wir uns rasch von dem Plan, die Nose zu klettern. Es war naiv zu glauben, dass diese Route während der besten Jahreszeit nicht überlaufen sein würde.

Wir verbrachten einige Tage am El Cap und wanderten stundenlang herum, um die Route The Book of Hate (5.13d/8b) im von Sträuchern überwucherten Gelände zu finden. Der Zustieg macht dem Namen der Route alle Ehre. Leicht genervt erreichten wir den Startpunkt der Route und wurden mit einer riesigen, schier endlos erscheinenden Verschneidung belohnt. Wir vergassen schnell die Bedeutung von „nie wieder“ und kehrten am nächsten Tag zurück. Drei oder vier Tage später zitterte ich mich mit müden Beinen die letzten Meter durch die Schlüsselstelle und erreichte dennoch den Stand. „Was für eine fantastische Route“, dachte ich mir und war überglücklich. Jacopos Versuche waren weniger von Erfolg gekrönt, da er wiederholt kurz vor dem Ausstieg abrutschte. Er entschloss sich, an einem anderen Tag zurückzukehren, um Zeit für die Magic Mushroom zu sparen.

Nach einem wohlverdienten Rasttag erreichten wir nach einem netten Spaziergang (im Vergleich zu den letzten Tagen) von nur 15 Minuten den Einstieg der Magic Mushroom. Bereits die erste Seillänge mit der Bezeichnung Moby Dick zog uns die Schuhe aus. Perfekte Risse und wunderschöne Kletterei an perfektem Yosemite-Granit. So ging es weiter, besser als wir es je zu träumen gewagt hätten, bis wir die erste schwere Seillänge Nummer 6 erreichten.

Uns war sofort klar, dass wir diese Seillänge nicht „einfach so“ klettern konnten, auch nicht nach einer kurzen Pause. An einem Haken in der Schlüsselstelle fehlte die Lasche und überhaupt so weit zu kommen, war bereits die erste grosse Herausforderung. Wir versuchten abwechselnd unser Glück und konnten die Seillänge schliesslich hinter uns lassen, aber mit Klettern hatte das wenig zu tun. Wir verbrachten Stunden damit, den Riss nach der Schlüsselstelle zu säubern, bis wir die Seillänge punkten konnten. Dasselbe erlebten wir in den nachfolgenden Seillängen. Es erforderte Stunden und Tage des Säuberns, bis sie sich in einem kletterbaren Zustand befanden. Wir entschlossen uns, einige Fixseile einzurichten, um den Aufstieg zu erleichtern.


Foto: Francois Lebeau

Wir wollten die Route von unten klettern, ohne die einzelnen Seillängen von oben auszuchecken. Aber dieser Stil kostete uns viel Zeit, da es kaum fest installierte Sicherungen in der Route gab, und in den schweren Seillängen ist es oft unmöglich, Sicherungen zu legen. Wir waren gezwungen, einige Seillängen technisch zu klettern und ein paar Haken zu schlagen, um sie bei der freien Begehung als Sicherungen zu verwenden. Hinsichtlich unserer fehlenden Erfahrung im technischen Klettern war das ebenso abenteuerlich wie alles andere und wir mussten uns jede Seillänge hart erkämpfen.

Nach weiteren acht Tagen in der Wand erreichten wir endlich den Ausstieg, unseren ersten Meilenstein. Aber von einem ernsthaften Durchstiegsversuch waren wir noch weit entfernt.

Danach investierten wir mehr Zeit in die Schlüsselseillängen (davon gibt es einige), vor allem in die letzte, wirklich harte 8b+ vor dem Ausstieg. Diese Seillänge mit dem Namen Seven Seas fiel mir am schwersten. Jacopos persönliche Schlüssellänge hingegen war die 20. Seillänge. Ich konnte zwar alle Einzelstellen der Seven Seas-Seillänge klettern, nur das alles im Durchstieg zu schaffen erschien mir unmöglich. Ich fand in den überstreckten Positionen einfach keinen guten Halt auf dem schmierigen Fels und konnte meine Körperspannung nicht halten. Ich versuchte es immer wieder und erarbeitete drei verschiedene Lösungen. Aber jede fühlte sich zu schwer für einen erfolgreichen Durchstieg an. Mein Optimismus schwand.

Ausserdem wurde die Zeit knapp. Wir hatten bereits unsere Flüge verschoben, und dennoch blieben uns nur noch zwei Wochen. Das bedeutete, dass wir nur einen echten Versuch hatten. Wir beschlossen, beide alle Seillängen ab 5.12+/7b im Vorstieg zu klettern. Dies würde zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen, aber wir hatten Wasser und Nahrungsmittel für 12 Tage in der Wand zurückgelassen.


Foto: Francois Lebeau

Am 30. November um 4 Uhr morgens war es schliesslich soweit. Wir starteten und kletterten die ersten Seillängen in der Dunkelheit. Unser Ziel für den ersten Tag war, die ersten 10 Seillängen zu den sogenannten Mammoth Terraces zu klettern. Dies ist der einzige Ort in der Wand, wo es möglich ist, ohne Portaledge zu schlafen. Bereits in der zweiten Seillänge realisierten wir, dass es schwerer sein würde, als wir angenommen hatten, da viele der unteren Seillängen nass waren. Wir hatten einfach Glück, dass wir nicht von den nassen Griffen und Tritten der ersten 8a abrutschten. Später verbesserten sich die Bedingungen und wir kamen erschöpft auf dem breiten Band an. Nach einigen Essattacken wurden wir ruhiger und schliefen unter einem klaren Nachthimmel ein.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie nach einem Unfall. Es kostete mich grosse Mühe, aus dem Schlafsack zu schlüpfen und meine Kletterschuhe anzuziehen. Wir schnappten uns jeder zwei paar neue Kletterschuhe, das ganze Essen, 22 Liter Wasser, die Schlafsäcke und andere Dinge, stopften das Ganze in zwei zusätzliche Haulbags und starteten los. Allein das Nachziehen kostete uns pro Seillänge eine zusätzliche halbe Stunde. Auf den Grey Ledges machten wir für eine längere Pause Halt. Ich war ausgepowert und konnte mir gar nicht vorstellen, die nächste Seillänge vorzusteigen.

Ich hatte Bauchweh, mir war schlecht, aber meine Motivation zu klettern war noch stärker. Es war ein Kampf, aber um Mitternacht erreichte ich die Portaledge unter der 20. Seillänge. Inzwischen fühlte mich richtig krank und nach zwei Löffeln Reis und einer Tasse Tee wurde es nur noch schlimmer. Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis die Sonne aufging und es wurde schnell klar, dass ein Ruhetag angesagt war. Wir verbrachten den Tag mit Schlafen, Kartenspielen, Teetrinken und Essen, wozu ich mich in dem Moment eher zwingen musste. Abends fühlte ich mich besser, aber auch diese Nacht verbrachte ich die längste Zeit schlaflos. Der nächste Morgen fühlte sich wieder ganz anders als erwartet an.

Ich war noch schwach, aber nach den ersten Klettermetern merkte ich, dass mein Kopf frei war. Ganz gleich, wie dieser Tag enden würde, ich war froh, dass ich einfach klettern konnte, und mit diesem Gefühl war ich den ganzen Druck los.

Dies war der Schlüssel zu meinem erfolgreichen Durchstieg der 20. Seillänge. Ich konnte es fast nicht glauben, als ich den Stand erreichte. Leider ging es Jacopo nicht ganz so gut. Er war nervös, da dies seine persönliche Schlüssellänge war. Er hatte kein Glück an diesem Tag. Er rutschte immer wieder von den schlechten Tritten ab, immer kurz vor dem Ende, bis er entschied, es an diesem Tag sein zu lassen. Wir kletterten dennoch am Abend die nächste 8b-Seillänge, deren Schlüsselstelle Jacopo völlig unbeeindruckt von seinem morgendlichen Kampf hinter sich liess.

Wir schliefen zufrieden ein und wurden am nächsten Morgen von einem Sturm geweckt.

Es schneite, die Temperaturen waren gefallen und der Wind pfiff heulend durch unsere Portaledge. Gegen Mittag flaute der Wind ab und die ersten Sonnenstrahlen kamen zwischen den Wolken hervor. Jacopo war schon lange bevor der Fels abgetrocknet war bereit. Er boulderte nochmal durch die harten Passagen und studierte die Züge ein, während ich aus dem Schlafsack heraus sicherte.

Danach war er schon viel zuversichtlicher. Er hatte ein gutes Gefühl und konnte schon gar nicht mehr stillsitzen, während ich mit Sandpapier losen Gummi von seinen Kletterschuhen schliff. Im nächsten Versuch funktionierte er wie ein Uhrwerk, und nur wenige Minuten später hörte ich ihn am Stand vor Freude jubeln. Die zweite grosse Hürde lag hinter uns.

Am nächsten Tag wartete die 8b+ auf uns. Ich fühlte mich erholt und frisch und mein Magen war auch wieder fit. Alles lief glatt und am achten Tag erreichten wir sturzfrei die 26. Seillänge. Nach einer herausfordernden Nacht, während der wir unsere Portaledge zum letzten Standplatz verlegt hatten, freuten wir uns auf einen Rasttag. Dieses Mal, anders als bei unseren früheren Vorhaben, hatten wir viel zu essen und zu trinken, auch wegen meiner unfreiwilligen Diät an den vorangehenden Tagen.


Foto: Francois Lebeau

Am neunten Tag widmeten wir uns also der nächsten Seillänge. Wir hatten uns schon darauf gefreut, eine relativ einfache Genussseillänge zu klettern, aber leider war sie total durchnässt. Das hielt uns stundenlang auf Trab.

Wir kippten völlig sinnlose Mengen an Chalk auf tropfnasse Griffe und entfernten total durchweichte Moospolster... kein typischer Rasttag. Am nächsten Morgen war immer noch alles nass. Wir kämpften uns durch die Verschneidung nach oben, mussten uns auf nasse Hand- und Fussklemmer verlassen, rutschten auf den Tritten nur so herum und waren froh, als das endlich hinter uns lag. Danach wurde die Atmosphäre noch angespannter, als wir meinen persönlichen Albtraum erreichten, die Seven Seas-Seillänge. Dort angekommen war es noch immer zu heiss, um sich an diesem überhängenden Ausdauermonster zu versuchen, also warteten wir bis zum Abend. Ungewöhnlich für Dezember, waren die Bedingungen nachts perfekt. Mein erster Versuch bestätigte meine Befürchtungen. Ich war noch immer nicht in der Lage, meine Körperspannung zu halten und rutschte wieder und wieder ab. Ich versenkte viele Versuche, immer in der Hoffnung, dass es sich irgendwann einfacher anfühlen würde. Aber es wurde nicht besser.

Eine halbe Stunde später, wieder dieselbe Geschichte. Es war, als würde mich nach einem Traum die Realität einholen, und so verlor ich die Kontrolle über meine Gefühle und fluchte und tobte mindestens 10 Minuten lang, bevor ich mich wieder beruhigen konnte. Ich wusste, dass ich für einen weiteren Versuch zu müde war, aber mein Kopf wollte nach weiteren Möglichkeiten suchen. Und es war wirklich mein Kopf, der schließlich zum Schlüssel dieser entscheidenden Crux wurde. Ich drückte mich gegen die linke, hervorstehende Seite des Risses unterhalb meines Ellenbogens und konnte auf diese Weise meinen Fuss statisch auf den ausschlaggebenden, schmierigen Tritt setzen.

Nach einem weiteren Rasttag gelang mir der Durchstieg der Seven Seas und im ersten Morgenlicht erklangen unsere Freudenschreie vom El Capitan.

--Babsi Zangerl


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