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Das Brasilien-Projekt

Thursday, Mai 25, 2017
Letzten Dezember machten sich vier Black Diamond-Athleten nach Brasilien auf, wo sie mit dem Centro Urbana Escalada zusammenarbeiteten, um von Armut betroffenen Jugendlichen zu helfen, indem Sie sie zum Klettern mitnahmen.

Video: Dominic Gill; Text: Hazel Findlay; Fotos: Dominic Gill; Sonnie Trotter; Sam Elias; Hazel Findlay.

Gegen 2 Uhr morgens höre ich im Halbschlaf Schüsse aus der nahe gelegenen Favela und erinnerte mich plötzlich daran, wo ich war. Also ist das die Realität und nicht nur leere Sprüche.

Einige Stunden zuvor wartete ein charismatischer Mann namens Andrew mit einem ebenso charismatischen Bart am internationalen Flughafen von Rio de Janeiro, Brasilien. Ich bin einen Tag vor den anderen Black Diamond-Athleten angekommen und mein erster Eindruck von Rio war eine nächtliche Autofahrt durch die düstere Nachbarschaft (daher die Schüsse) und steile, sich nach oben windende Straßen zu Andrews Haus hinauf.

Was hat eine Gruppe Black Diamond-Athleten im Dezember in Rio de Janeiro zu suchen, einem der heissesten und nässesten Monate des Jahres?

Wir sind gekommen, um im Centro Urbana Escalada (CEU) auszuhelfen. CEU ist ein Hilfsprojekt, in dessen Rahmen Jugendliche aus der Favela Rocinha (eine der grössten Favelas von Rio) zum Klettern an die örtlichen Kletterfelsen mitgenommen werden.

Die Idee stammte von Andrew Lenz und wurde durch reine Logik und persönliche Erfahrung inspiriert. Andrew war 10 Jahre lang Mitarbeiter in sozialen Hilfsprojekten für Jugendliche. Du dieser Zeit lernte er selber das Klettern und erkannte, wie sehr ihn der Prozess des Erlernens dieser Sportart auf persönlicher Ebene veränderte. Er nutzte so viele Hilfsmittel, um positive Veränderungen in Jugendlichen anzustossen, warum also nicht auch Klettern? Wenn Du jemals in Rio warst, weisst du, warum das wirklich so einfach ist – die Stadt ist von Felsen umgeben. Die Grenzen der Favelas sind von Granitwänden umgeben und die Jugendlichen können teilweise von zu Hause aus zu Fuss zum Fels wandern. Kein Auto erforderlich, was sie sich eh nicht leisten könnten, und keine unnötigen Fehlzeiten in der Schule. 

 

CEU begann als „One-Man-Show“ ohne echte Struktur oder formelles Konzept.  Andrew ging einfach nach Rocinha, trommelte ein paar Kids zusammen und ging mit ihnen klettern. An der Oberfläche ist das CEU ein voll funktionsfähiges Sozialprogamm mit vielen Freiwilligen und einem kleinen Treffpunkt mit angegliederter Kletterhalle in Rocinha. Wenn man genauer hinsieht, verschafft das CEU den Jugendlichen nicht nur Zugang zum Klettern als Freizeitaktivität, sondern stellt in den Leben dieser Kids eine echte Unterstützung dar.

Eine Geschichte, in der das besonders deutlich sichtbar wird, ist die von Caio. Als ich Caio kennenlernte, war ich beeindruckt von diesem scheinbar ausgeglichenen, selbstbewussten und intelligenten jungen Mann. Am Fels stellt sich heraus, dass das noch nicht alles ist, denn er ist zudem ein sehr talentierter Athlet. Ich war überrascht zu hören, dass Caio früher ganz anders war. Als er zum CEU kam, war er extrem schüchtern und ihm fehlte jegliches Selbstvertrauen. Noch schlimmer, er war seit 3 Jahren nicht in der Schule gewesen und hatte überhaupt keine Führung in seinem Leben. Im CEU wurde vor allem beim Klettern sein mangelndes Selbstvertrauen deutlich und er kämpfte mit Höhenangst. Anfangs konnte er noch nicht einmal Routen im Toprope klettern. Aber im Laufe der Zeit und durch die Geduld und Unterstützung von Andrew blühte er auf. Am ersten Tag am örtlichen Kletterfels beobachteten wir das Ergebnis dieses Fortschritts, als Caio seine erste 7a+ rotpunkt kletterte. Als er wieder am Boden war, umarmte ihn Andrew stolz, und man konnte Andrew ansehen, dass er in diesem Moment wusste, warum sich sein Einsatz lohnte. Caio hat nicht nur seine erste 7a+ geklettert, sondern geht auch wieder zur Schule – mit Disziplin, einem Ziel vor Augen und der Zuversicht, erfolgreich zu sein.

Nachdem wir einige Tage mit den Kids verbracht hatten, merkten wir, wie das Vertrauen zwischen uns wuchs, und wir wollten etwas besonderes mit ihnen unternehmen... Und zwar den Zuckerhut von Rio besteigen. Der Zuckerhut ist das Wahrzeichen von Rio und bietet einige tolle, plattige Mehrseillängenrouten im Granit. Brittany und ich bildeten ein Team mit einem Jugendlichen, der mir besonders ans Herz gewachsen war – Mateus. Mateus war nicht wegen seines offensichtlichen Klettertalents mein Favorit, sondern wegen seines Charmes und ansteckenden Lachens (ausserdem rettete er im Gangsterviertel quasi mein Leben, als ich vergass, dass wir unsere Smartphones nicht zum Fotos schiessen auspacken sollten).

 

Ich war also glücklich, als Brittany, Mateus und ich als Team in die Route am Zuckerhut einstiegen, auch wenn mich die Mücken die ganze Wand hinauf verfolgten. Die beiden kletterten simultan im Nachstieg, und Brittany blieb an der Seite von Mateus, sodass sie ihm auf dem Weg helfen konnte.

„Schau mehr auf deine Füsse als auf alles andere“, erinnerte sie ihn geduldig. Die Route war nur mit 6a bewertet, war aber eine technisch anspruchsvolle Granitplatte. Kraft bringt Dich da nicht weiter. Für jemanden mit Höhenangst schlug sich Mateus sehr tapfer.

Da die Christusstatue genau auf den Zuckerhut hinüberblickt, fühlt man sich beim Klettern fast wie auf einer Postkarte von Rio. Von allen Monumenten, die ich bisher gesehen habe, war die Christusstatue für mich am bewegendsten (obwohl ich nicht religiös bin). Aber es hat etwas Besonderes, wie Christus von dort oben auf die Stadt hinabblickt, als wäre er Richter über alles, was da unten passiert. Ich deutete auf die Statue und fragte Mateus in einer Mischung aus gebrochenem Spanisch, Englisch und Handgesten, ob er an Gott glaubte. Er bejahte und gab die Frage an mich zurück. Ich verneinte. Dann begannen wir eine eher philosophische Unterhaltung darüber, was und wer Gott wohl sei, und Mateus sprach über die Energie aller lebenden Wesen. Ganz am Ende der Route, mit einem Blick hinunter auf das sprühende Leben von Rio, wusste ich was er meinte.

Als Mateus oben ankam, umarmte ich ihn und spürte das Herz in seiner Brust schlagen. Mir war klar, das dies ein grosses Erlebnis und ein echter Kampf für ihn gewesen war, obwohl er sich nichts anmerken liess. Ich denke diese Kids haben von klein auf gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Mit Andrew als Vorbild werden sie sich zu ausgezeichneten Kletterern entwickeln, da bin ich mir sicher. Später fand ich heraus, dass Mateus erst seit vier Monaten kletterte und konnte es einfach nicht begreifen, wie er so schnell so gut werden konnte.

Aber bei unserem Besuch in Rio und im CEU ging es nicht um Kletterfähigkeiten oder Schwierigkeitsgrade. Es ging darum zu sehen, wie sich diese Kids beim Klettern zu reiferen Personen entwickelten. Beim Klettern verlässt du deine Komfortzone und musst Antworten finden, nicht nur reagieren. Du musst es lieben lernen und darfst nicht dagegen ankämpfen. Und du musst auf deine Intuition hören und nicht auf dein Ego. Diese Jugendlichen lernten schnell, dass dieser Sport jede Minute wert ist, die Du in ihn investierst. Wenn Du Dich Deinen Ängsten aussetzt und durch das Klettern langsam Vertrauen findest und Dich leiten lässt, wirst Du in vielerlei Hinsicht belohnt. Klettern öffnet Türen, bringt Freunde zusammen, schickt Dich auf Reisen in andere Länder, über Grenzen hinweg, über jedes Hindernis, und wenn du es zulässt, kannst Du fast alles, was Du wissen musst, beim Klettern lernen. Am wichtigsten – Du lernst viel über Dich selbst. Klettern hält dir den Spiegel, und wenn du hineinblickst, siehst du jedes Mal einen neuen Menschen.

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