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Ausrüstungsmythen: Von unten nach oben oder von oben nach unten – gibt es eine korrekte Art und Weise, das Seil im Klettergurt einzubinden?

Wednesday, Oktober 24, 2018
Von oben nach unten oder von unten nach oben? Das ist die Frage unserer heutigen Ausgabe der Ausrüstungsmythen, bei der wir uns verschiedene Methoden ansehen werden, das Seil im Klettergurt einzubinden. Ziel ist es herauszufinden, ob irgendeine Methode sicherer ist als die andere.

Beim Klettern ist das Einbinden fast schon ein heiliges Ritual. Das ist einfach so. Der heilige Bund all jener, die selber klettern und andere sichern, beruht ausschliesslich auf dem schlichten Akt des Einbindens, bei dem das Seil durch den Klettergurt gefädelt und mit einem speziellen Knoten versehen wird. Anders gesagt, beim Klettern hängt unser aller Leben davon ab.

Wenn also diesem heiligen Moment eine derart grosse Bedeutung innewohnt, sollte es dann nicht einen letztgültigen Standard geben, der für die Einbinderichtung des Seils in den Klettergurt gilt?

Nein, also ganz so festgelegt sind wir beim Klettern nicht.

Vor einigen Monaten traf Black Diamond Climbing Category Director und Ausrüstungsguru Kolin „Canuck“ Powick völlig aufgelöst im Büro ein. Er war sichtlich besorgt, als er uns erzählte, was er am frühen Morgen in der Kletterhalle erlebt hatte.

„Ich sah einen Kletterer, der sein Seil von oben nach unten durch seinen Klettergurt gefädelt hat“, erzählte er aufgebracht. Dieser Kletterer hat also das Seil zuerst durch die obere Einbindeschlaufe des Klettergurts gefädelt.

Für KP war das schlicht unvorstellbar. Seit über 25 Jahren hatte er sein Seil vor jeder einzelnen Kletterroute von unten nach oben durch den Klettergurt gefädelt.

Eigentlich sollte das doch jeder wissen, oder?


Für diese Ausgabe unserer Ausrüstungsmythen wollten wir dieser Frage nachgehen und uns umhören, wie andere Kletterer das Einbinden handhaben. Gibt es eine Standardmethode? Sollte es die geben? Und noch wichtiger – ist die eine Methode sicherer als die andere?

Zunächst wollten wir KPs Verdacht überprüfen und herausfinden, wie sich die meisten Kletterer einbinden.

Auf unserer Liste potentieller Interviewpartner zu diesem Thema stand auch Black Diamond-Athletin Claire Buhrfeind, U.S. National Champion in den Disziplinen Vorstieg und Speed.

Wir haben uns mit Claire über ihre Einbindemethode unterhalten und interessanterweise hat sich über das wie noch nie Gedanken gemacht. Natürlich weiss sie, welchen Knoten sie verwendet. Sicherlich wissen das alle Kletterer ganz genau. Aber was die Frage des Einbindens angeht, ist sie auf Autopilot eingestellt.

„Ich habe mir tatsächlich noch nie Gedanken darüber gemacht. Ich binde mich immer gleich ein“, erklärt sie. „Ich führe mein Seil von unten durch die Einbindeschlaufen. Ich glaube das ist einfach ein automatisierter Bewegungsablauf. Als mir mein Trainer den Bulinknoten gezeigt hat, habe ich es einfach so nachgemacht, wie er mir es vorgemacht hat, und habe das nie verändert. So weiss ich, dass ich keinen Fehler mache.“

OK, also die beste weibliche Vorstiegskletterin der USA bindet sich von unten nach oben ein, immer. Und, nur als Randbemerkung, sie verwendet den Bulinknoten.

Was wohl der beste männliche Vorstiegskletterer der USA zu dem Thema meint?

U.S. National Champion und Black Diamond-Athlet Sean Bailey konnte die Frage kurz und knapp beantworten:

„Von unten“, sagte er. „Aus keinem bestimmten Grund, ich hab das einfach so gelernt. Es würde sich komisch anfühlen, es anders zu machen.“



Nachdem sich also beide U.S. National Champions von unten nach oben einbinden, fragten wir uns, ob das was KP gesehen hatte, einfach nur ein Zufallstreffer war. Ober ob er sich versehen hatte? Fing er zu spinnen an?

Der berühmte baskische Kletterer und Black Diamond-Athlet Patxi Usobiaga konnte auch keine neue Sichtweise auf KPs Fall werfen, da auch er sich stets von unten nach oben einbindet. Patxi schrieb Geschichte als erster Mensch, der eine 8c+ onsight klettern konnte. Man kann ihm also zutrauen, dass er etwas vom Einbinden versteht.

Patxi, der heute keinen geringeren als Adam Ondra trainiert, gab uns eine sehr methodische Erläuterung zum Einbinden von unten nach oben.

„Beim Einbinden von unten nach oben hast Du den Achterknoten flach vor Dir liegen“, erklärt er.

Ein in dieser Richtung gefädelter Achterknoten lässt sich perfekt visuell überprüfen und nachverfolgen, so seine Argumentation.

Und was meint Ondra zu dem Thema? Laut seinem Coach ein treuer „von unten nach oben“-Typ. Wie bindet sich der wohl beste Kletterer der Welt ein?

KP traf Ondra bei den Weltmeisterschaften in Innsbruck und stellte ihm die entscheidende Frage: „von unten nach oben oder von oben nach unten“?

„Kommt auf den Knoten an“, antwortete dieser mit funkelnden Augen, als ob er schon vorher gewusst hatte, dass er KPs fragile Realität zerschmettern würde.

„Den Bulin fädle ich von oben nach unten“, erläutert Ondra. „Den Achterknoten von unten nach oben.“

Aha! Da lag die Antwort, glänzend wie ein goldener Camalot #2, der in einem Riss in Indian Creek von der Sonne angestrahlt wird – Ondra bindet sich von beiden Seiten ein.

„Aber …“, fügte er hinzu, „ich kann den Achterknoten nicht leiden, also verwende ich den nie.“

Schön und gut. Wir wollen uns an diesem Punkt nicht in eine Debatte über den Achterknoten gegenüber dem Bulin verstricken. Aber wir waren ehrlich erleichtert, dass KP doch nicht völlig übergeschnappt war.


Und je mehr wir recherchierten, desto mehr Hinweise fanden wir, dass KP einer Sache auf die Spur gekommen war.

Susanne Pfrengle – Black Diamond Marketing und E-Commerce Manager in Europa – schloss sich als weitere Person dem „von oben nach unten“-Team an.

„Wenn ich einen doppelten Bulin von oben nach unten fädle, kann ich ihn einfacher abmessen“, sagte sie. „Ich lasse das Seil bis zu meinem Knie herabhängen und habe danach kein Zuviel an Seil aus dem Knoten herausragen.“

Susanne fädelt also das Seil durch beide Einbindeschlaufen am Klettergurt, von oben nach unten. Wenn die Spitze des Seils auf Höhe ihres Knies hängt, weiss sie, dass das Seil die richtige Länge für ihren Knoten hat. Das erscheint uns sinnvoll.

Moritz Brack, Black Diamond Strategic Accounts Salesman in Europa, schloss sich der Meinung an, dass von oben nach unten die einzig sinnvolle Einbinderichtung sei.

„Es gibt Dinge im Leben, die machst Du einfach, weil Du es schon immer so gemacht hast. Die hinterfragst Du nicht“, erklärte Moritz. „Für mich ist von oben nach unten intuitiver und natürlicher.“

Moritz verwendet ebenfalls einen Bulinknoten und findet es einfacher, den Bulin über dem Klettergurt zu knoten, was der Fall ist, wenn Du das Seil von oben nach unten durch den Klettergurt fädelst.

„Ich habe noch nie gehört, dass es beim Einbinden von oben nach unten zu Sicherheitsproblemen gekommen wäre“, fügte Moritz noch hinzu.

Nun haben wir tatsächlich verschiedene Meinungen zu dem Thema gesammelt. Wenn Kletterer weltweit sich so und so herum einbinden, ganz gleich, welchen Knoten sie verwenden, bleibt die Frage, ob beide Methoden sicher sind.

Zusammenfassung

Wir haben uns entschlossen, den Mann zu fragen, der uns auf diese Reise geschickt hat. Nachdem KP das Black Diamond QC Lab nun schon seit über 11 Jahren leitet und den Grossteil seines Lebens technischen Entwürfen, Analysen und Zerstörungstests für Kletterausrüstung gewidmet hat, wussten wir, dass wir mindestens eine sehr fundierte Meinung erhalten würden.

„Von unten nach oben, immer und überall“, kommentierte unser Ausrüstungsguru.

Für KP gibt es eindeutige Vorteile beim Einbinden von unten nach oben.

Er nannte uns zwei Gründe und gab uns eine prägnante Erläuterung für das Einbinden von unten nach oben mit auf den Weg.



„Beim Einbinden von unten nach kannst Du gut beobachten, wie Du das Seil erst durch die untere und dann durch die obere Einbindeschlaufe fädelst“, erklärte KP. „So ist es visuell leicht überprüfbar, dass Du in beide Schlaufen eingebunden bist. Wenn Du von oben nach unten fädelst, verstellt Dir Deine Hand den Blick, sodass es schwierig zu erkennen ist, ob beide Schlaufen korrekt gefädelt wurden – vor allem die untere Einbindeschlaufe (Beinschlaufe).

Aber wie wichtig ist es denn wirklich, das Seil durch beide Einbindeschlaufen zu fädeln? Wäre dies ein Argument, sich für die „von unten“-Methode zu entscheiden?

„Bei unseren Labortests haben wir festgestellt, dass die Beinschlaufen zwischen 70 und 80 % der Belastung bei einem Sturz auffangen“, sagte KP. „Wenn Du also aus Versehen nur eine Einbindeschlaufe erwischst, dann wären es optimalerweise die Beinschlaufen, da sie den Grossteil der Belastung auffangen.“

Das klingt einleuchtend. Wenn Du beim Einbinden von unten anfängst, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Du mindestens die untere Einbindeschlaufe (die Beinschlaufen) erwischst, die statistisch gesehen den grösseren Teil des Fangstosses bei einem Sturz auffängt.

Trotzdem hat dieses Argument einen grossen Haken.

„Wenn Du Dich nur in den Einbindepunkt der Beinschlaufen einbindest, wird zwar ein Grossteil der Belastung aufgefangen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Du nach hinten überkippst und dabei aus dem Klettergurt herausfällst ist ebenfalls wesentlich höher. Daher ist es vielleicht sogar sicherer, mehr auf die obere Einbindeschlaufe zu achten. Früher haben sich die Leute einfach nur ein Seil um Beine und Hüfte geschlungen und hatten auch kein Problem damit.“



Am Ende des Tages haben wir uns geeinigt: das Einbinden, ganz gleich von welcher Seite, ist der wichtigste Moment Deines gesamten Klettertags. Du darfst Dich niemals ablenken lassen. Also ganz gleich, für welche Methode Du Dich entscheidest, wenn Du stets BEIDE Einbindeschlaufen fädelst, ist dies die „sicherste“ Methode.

„Ich habe eine Freundin, die sich beim Einbinden mit dem Gesicht ganz nah zur Kletterwand stellt“, fügte KP hinzu. „Das signalisiert den anderen, sie in Ruhe zu lassen und nicht mit ihr zu sprechen, weil sie gerade etwas Wichtiges tut.“

Das Fazit laut KP?

„Stellt sicher, dass Ihr immer beide Einbindeschlaufen mit dem Seil verbindet – die Beinschlaufen UND die Einbindeschlaufe am Klettergurt.“

So Leute, so sieht's aus. Beide Methoden sind richtig, solange Ihr beide Einbindeschlaufen verwendet.

Trotzdem scheint die Wahl des Knotens einen gewissen Einfluss auf die Einbinderichtung zu haben, also ob Du Dich von unten nach oben oder von oben nach unten einbindest. Wie Ondra bevorzugen auch alle anderen interviewten Kletterer bei Verwendung des Achterknotens die Einbinderichtung von unten nach oben. Beim Bulin haben wir beide Herangehensweisen gefunden.

Wir haben jedoch keine einzige Person gefunden, die beim Achterknoten das Seil von oben nach unten durch die Einbindeschlaufen fädeln würde.

Bist Du unser Einhorn?

Dann hinterlasse uns Deine Methode in den Kommentaren.


--Words: Chris Parker
--Images: Andy Earl, Will Saunders, Colette McInerney


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