Rhythm

Video: Cheyne Lempe; Images: Chris Parker; Words: Joe Grant



Sie waren beim ersten Morgengrauen aufgebrochen. Vom verschlafenen Dorf Les Houches aus waren Joe und Seb über die westliche Flanke des Berges aufgestiegen, zunächst durch die steilen, an den Ort angrenzenden dichten Nadelwälder hindurch, bevor sie den Gletscher querten. Als es hell wurde, hatten sie bereits ihre Steigeisen an den Laufschuhen befestigt und ihren rasanten Aufstieg mit Trekkingstöcken in den Händen fortgesetzt.

Der letzte Grat zum Gipfel schien wie eine einzelne schneebedeckte Spur direkt in den tiefblauen Himmel zu führen. Umgeben von den steilen Reliefs beeilten sich Joe and Seb auf den letzten paar hundert Metern. Sie hielten dem Sog des Windes stand und bewunderten die unglaubliche Ausgesetztheit dieses Ortes. Mitten am Vormittag, als die Einheimischen von Les Houches nach einer langen Partynacht noch im Café sassen und ihren Hangover mit Bier und Zigaretten zu bekämpfen versuchten, standen Joe und Seb auf dem Gipfel des Mont Blanc – nachdem sie in nur wenigen Stunden auf den 4810 Meter hohen Berg gelaufen waren.

Doch der Gipfel unterbrach den Rhythmus nur kurz. Als verschiedene Seilschaften mit ihren Bergführern die oberen Schneefelder hinaufkletterten, waren Joe und Seb bereits wieder beim Abstieg. Sie zerpflügten den Schnee mit ihren Steigeisen und rannten die steilen Hänge hinab, wobei ihnen einige Bergsteiger begegneten. Dort hatte ihnen der französische Bergführer zugerufen.

„Pas pour courir!“, sagte er. Nicht zum Joggen.


Doch die Worte des Bergführers waren nur eine weitere, kurze Unterbrechung des Rhythmus... denn wie man so sagt – „The Beat Goes On“. Seit diesem Tag im August 2013 ist der Mont Blanc zum Testgelände für die Berglaufelite avanciert. Mit talentierten Bergathleten wie Kilian Jornet und Joe kam es zu einem Paradigmenwechsel bezüglich der Art und Weise, wie ein Gipfel vom Kaliber des Mont Blanc bestiegen werden kann. Kilian bezwang den 4810 Meter hohen Gipfel in weniger als 5 Stunden, was noch immer als die (unerlaubte) „schnellste bekannte Zeit“ zum Gipfel und zurück gilt.

Wenn jedoch der Wind des Wandels weht, führt das unweigerlich zu Irritationen. Und so kam es, dass es Ende August 2017 ausser Frage war, den Mont Blanc auf diese Weise zu besteigen. Joe, der amerikanische Filmemacher Cheyne Lempe und ich sassen im Café in Les Houches im Schatten des Berges und versuchten, unseren Jet Lag mit Espresso zu bekämpfen. Nur wenige Tage vor unserer Abreise in die Gegend von Chamonix – eine Reise, auf der wir eine Dokumentation über Joe und einen Lauf auf Europas symbolträchtigsten Berg drehen wollten – war ein 46-jähriger Ehemann und Familienvater am Mont Blanc ausgerutscht und in den Tod gestürzt. Als die Bergrettung ihn fand, war er mit leichten Laufklamotten bekleidet.

Als Reaktion auf die Tragödie verkündete der Bürgermeister der Stadt, dass für die Besteigung des Mont Blanc bestimmte Voraussetzungen an die Ausrüstung erfüllt werden müssten. Vom Eispickel über ein Gletscherseil bis hin zu richtigen Bergsteigerschuhen – nur mit einer vollständigen Bergsteigerausrüstung würde es erlaubt sein, den Mont Blanc zu besteigen. Anderenfalls sind hohe Bussgelder zu zahlen. Vergessen wir mal die bis zu 100 angeseilten Bergsteiger, die jedes Jahr an diesem Berg verunglücken. Jedenfalls war es nicht länger zulässig, den Berg im schnellen und leichten Stil zu besteigen, in anderen Worten, „zu joggen“.


Joe erinnerte sich, was der französische Bergsteiger einige Jahre zuvor gesagt hatte.

„Pas pour courir!“ Nicht zum Joggen.

Chamonix wäre jedoch nicht die Geburtsstätte des Alpinismus, wenn es nicht noch eine Vielzahl anderer Berge in Reichweite gäbe. Dort, wo wir mit unserem Espressotassen sassen, war der Horizont von einem Labyrinth an Gipfeln umgeben. Wo richtig hochalpines Gelände maximal einen halben Tagesmarsch entfernt beginnt (oder manchmal sogar nur ein paar Stationen mit der Tram), ist es erstaunlich oder manchmal sogar alarmierend einfach, diese hohen und ungezähmte Bergen zu erreichen.

Es war also nur eine Frage der Zeit, ein neues Ziel, einen neuen Rhythmus zum Tanzen zu finden.


Die beiden folgenden Tage, während wir auf Joes Gepäck warteten, verbrachten wir in einem Buchladen in Chamonix. Joe trug noch immer die schmuddeligen abgeschnittenen Jeans und ein schwarzes Bike Race Shirt, das er bereits vor drei Tagen beim Boarding des Flugzeugs an hatte. Er schlurfte zwischen den Karten und Führern herum, knipste Fotos mit seinem iPhone und übersetzte Routenbeschreibungen für uns. In Frankreich aufgewachsen, ist Joe in jeder Hinsicht ein Franzose, und seine Sprachfertigkeiten waren von entscheidender Bedeutung, um die Situation in den Griff zu bekommen. Er rief seinen alten Freund Seb an, den abgebrühten Einheimischen, und dem schnellen Wortwechsel konnten wir irgendwie entnehmen, dass eine neue Idee heranreifte.

Es fielen mehrmals die Worte Dômes du Miage.

Wir erfuhren, dass sich weiter talabwärts eine Reihe von kletterbaren Gipfeln oder „Kuppeln“ rund um den Glacier de Tré la Tête befanden. Und natürlich war Seb der Meinung, dass wir genau danach suchten.

Diese Mission würde einen bestimmten, ansteigenden Rhythmus erfordern, versuchte Joe zu erklären. Vom langsamen Beat des frühen Laufs vor Sonnenaufgang im Schein einer Stirnlampe bis hin zum vorsichtigen Navigieren durch das zerklüftete Gelände des Gletschers. Und natürlich, am Ende das Crescendo – der Moment, wenn man die finalen Meter des Bergs in Angriff nimmt und den Gipfel stürmt.


An diesen Bergen würden wir den Rhythmus finden, versicherte uns Seb. Wenn nur die Fluggesellschaft endlich Joes Gepäck finden würde.

Seine Taschen kamen Dienstagnacht an. Wir hatten den Tag bereits abgeschrieben, jedenfalls was das Gepäck anging. Joe und ich hatten uns daher eine Flasche französischen Rotwein zum Abendessen genehmigt und waren inmitten einer hitzigen Debatte darüber, wer von uns ein gemeinsames Tischtennismatch gewinnen würde (und wie uns Karl Meltzer eine Lektion erteilen würde). Dann kam der Anruf. Die Taschen waren auf dem Weg. Mist.

Am folgenden Morgen brachen wir um Punkt 10 Uhr in der Ortschaft Les Contamines auf, unsere Mägen gefüllt mit französischem Gebäck, Eiern und Würsten. Wir stiegen zunächst 1400 Höhenmeter auf dem schmalen Weg zum Refuge de Conscrits auf, einer alpinen Schutzhütte direkt am Rande des Glacier de Tré la Tête. Dort angekommen, tauschten wir unsere Laufschuhe in pinkfarbene Crocs um, die zum Betreten der Hütte bereit lagen. „Wenigstens sind es keine Bergschuhe.“, dachte ich.


Beim Abendessen auf der Hütte teilten wir uns mit einem alten französischen Bergführer einen Tisch, der seine Gäste auf den Dôme du Miage führte, dem höchsten Punkt der Dômes. Über einen Teller Beuf Bourguignon gebeugt, fragte der Bergführer Joe, was unsere Pläne seien. Möglicherweise waren ihm unsere kleinen, schlanken Rucksäcke oder unsere Gore-Tex-Laufschuhe anstelle von Bergschuhen aufgefallen.

„Dômes de Miage“, erläuterte Joe. Wir würden denselben Gipfel besteigen. Nur schnell und leicht.

Der Bergführer verzog das Gesicht.

„Wir drehen einen Film.“, sagte Joe.

„Und für wen seid ihr unterwegs?“, wollte er wissen.

„Black Diamond.“, sagte Joe.

„Ah … Black D!“, sagte der Bergführer und verwendete voller Ehrerbietung die abgekürzte Version, mit der Franzosen üblicherweise dem Gesagten mehr Gewicht verleihen.


Mit diesem Wortwechsel kamen wir schliesslich zu einer Art Übereinkommen. Sicher, dieser Bergführer war noch von der alten Garde. Er war der Meinung sind, dass beim Bergsteigen Seile, Bergschuhe, Helme und die restliche übliche Ausrüstung einfach dazugehören. Und ja, vielleicht würden wir in einem anderen Takt marschieren – mit den ultraleichten Rucksäcken, Riemensteigeisen, einem einzigen Eispickel und Laufschuhen. Aber unserem Übereinkommen lag ein tiefer Respekt zugrunde. Nicht nur füreinander, sondern auch für die Berge. Uns war bewusst, dass wir beide auf der Suche nach demselben Rhythmus waren, diesem unverkennbaren Beat, den man nur unterwegs in den Bergen spürt.

Am nächsten Tag, als wir zum Gipfel des Dôme du Miage unterwegs waren, im Herzen der Alpen, dicht neben dem hoch aufragenden Mont Blanc und dem zerklüfteten Bionnassay, tanzten wir alle zum selben Rhythmus. Wir konnten den Puls spüren, als wir uns frühmorgens um 4 Uhr schnell den felsigen Weg entlang bewegten. Als wir mit den ersten Sonnenstrahlen über den Gletscher querten, mit halbstarren Riemensteigeisen an unseren Laufschuhen, wurde der Beat lauter. Und schliesslich, als wir unsere Pickel in den letzten Schneefleck vor dem Gipfelgrat stiessen, war der pulsierende Rhythmus allgegenwärtig. Als wir auf dem felsigen Gipfel standen, die kristallklare Luft einsogen, umgeben von unerbittlichen Bergen, konnten wir nur noch eines – zuhören.

Der Rhythmus war der Klang unserer schlagenden Herzen.

--Joe Grant