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Die Exum Files – Teil 1: Einzelheiten zum Extended Column Test

Friday, November 17, 2017
Wir haben uns mit Bill Anderson, Senior Exum Guide und Avalanche Instructor der Stufe 3 am American Avalance Institute, unterhalten. Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass Bill etwas vom Skitourengehen im Winter versteht. Wenn Bill also die näheren Einzelheiten zum ECT (Extended Column Text) in diesem Artikel erläutert, sollten wir unbedingt zuhören.

Ist man im Winter im Gelände unterwegs, ganz gleich ob als Profi oder Freizeitsportler, verlässt man sich auf ein bewährtes Set an Protokollen, Tools und Beobachtungsgabe, wenn man sich eine lange Beziehung mit der verschneiten Berglandschaft wünscht. Während die kontinuierliche Beobachtung des Wetters zu prognostizieren hilft, wie der Schnee auf Belastung reagiert, können Stabilitätstests zur informierten Entscheidungsfindung unterwegs auf Tour beitragen. Diese Schneedeckentests, inklusive dem Extended Column Test (ECT) und Propagation Saw Test (PST), bieten lebenswichtige Stabilitätsinformationen zu bestimmten Aspekten der Schneedecke. Heute betrachten wir den ECT eingehender und erörtern, wie sich die Testergebnisse auf unsere Tourenentscheidungen auswirken. Denkt daran, dass diese Tests lediglich Werkzeuge sind, die im Rahmen eines umfangreichen Prozesses zum Einsatz kommen. Dieser Prozess umfasst:

  • • Durchdachte Routenplanung
  • • Geländekenntnis kombiniert mit sorgfältiger Beobachtung
  • • Kooperative Teaminteraktion und Gruppenmanagement

Ein Vorbehalt zu den Schneeanalysen ist, dass sie aufgrund der variablen Bedingungen im Gelände isoliert betrachtet wenig Aufschluss bieten. Dennoch gibt es einige gute Gründe, sich die Mühe zu machen. In der ersten Ausgabe der Exum Files erläutert Bill Anderson, Senior Exum Guide, den Extended Column Test und wann dieser Test am sinnvollsten eingesetzt werden kann.

Extended Column Test: Ist es den Zeitaufwand wert?

Das hängt von Deiner Erfahrung ab, von der vorliegenden Situation und von welcher Tragweite die Entscheidung ist, die Du zu treffen versuchst. Wenn Dein Lawinenproblem aus einer frischen, 20 cm hohen Schicht Triebschnee besteht, lohnt sich wahrscheinlich ein weniger umfangreicher Test. Dies gilt auch für dünnere Schneeverwehungen in Gelände mit minimaler sekundärer Exposition.

Bei der Überwachung einer acht Wochen alten Schwachschicht lohnt es sich auf jeden Fall. Vor allem dann, wenn die besorgniserregende Schicht tiefer liegt, bieten Stabilitätstest essentielle Informationen darüber, wie sich die Dinge entwickeln

Wie interpretiere ich mein Ergebnis?

Die kurze Antwort ist sehr einfach. Bei einem ECTP (das „P“ steht für „Propagation“, zu Deutsch „Bruchausbreitung“, d.h. die schwache Schicht bricht durch die gesamte Säule hindurch) sollte das lawinengefährdete Gelände an diesem Hang vermieden werden. Richtig, das ist ein absolutes NEIN für diese Situation. Am Besten man tut so, als hätte man soeben einen kompletten Hangabrutsch beobachtet.

Ist es wirklich so eindeutig?

Ja, das ist es.

Also ohne Bruchausbreitung können wir den Hang abfahren?

So einfach ist es nun auch wieder nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass das nur ein Element eines umfassenden Beobachtungsprozesses ist. Daher müssen wir immer das Gesamtbild berücksichtigen. Ob eine Schneeanalyse direkte Rückschlüsse auf die gesamte Schneedecke zulässt, ist immer fraglich. Und ein Test an einem Punkt kann auch immer nur ein Teil eines Puzzles sein.

Was sagt mir also die Schlagzahl?

Diese Zahl gibt an, nach wie vielen Schlägen die Bruchausbreitung eingetreten ist. Viele Leute machen den Fehler, Ihren Test überzuinterpretieren. Denke einfach daran, dass Du mit einem Schneehaufen arbeitest und mit einer Schaufel draufschlägst. Die Bruchausbreitung ist das wichtigste Element – der Vorteil ist, dass sie entweder passiert oder nicht passiert.

Bilder: David Stubbs

Wir haben gerade einen grossen Lawinenzyklus erlebt, und ich sehe noch immer die ETC-Ergebnisse: Was ist los?

An manchen, tiefen Stellen in der Schicht siehst Du Bereiche, deren Struktur arbeitet, die aber aus unerfindlichen Gründen noch nicht abgegangen sind. Was hier wirklich passiert, ist Thema von Forschungsarbeiten. Aber je nachdem, welches Problem vorliegt, bist Du noch nicht aus dem Schneider. Wie bei jeder Skitour ist es gut, einen oder zwei Alternativpläne zu haben. Auf diese Weise kannst Du eine schöne Tagestour geniessen und trotzdem sicher zum Ziel kommen.  

Ein paar Tipps, wie ich schnell einen ECT durchführen kann?

Wenn es um Schneeanalysen geht, ist es am Besten sich NICHT zu beeilen. Mach langsam. Menschen neigen dazu Fehler zu machen, wenn sie in Eile sind. Grabe deine Grube an der Vorderseite 120 bis 140 cm breit und 120 cm tief bzw. grabe bis zu der Schicht, die Dich interessiert. Achte beim Graben darauf, dass du mit Deiner Schaufel Blöcke aus dem Schnee schneidest und diese aus der Grube herausschaufelst, anstatt losen Schnee herumzufegen. Ausserdem musst Du wirklich in den Hang hineinschneiden, als ob Du eine Bergung durchführen würdest.

Während Du die Wände im Quadrat abträgst, soll Dein Partner die Sonden bereithalten. Bemesse die Säule für deinen ECT mit einem Abstand von etwa 15 cm zu jeder Seite. Deine Säule sollte die Masse 90x30 cm haben. Platziere Deine Sonde vertikal in einer der bergseitigen Ecken (lass dir von deinem Partner bei der Ausrichtung helfen) und platziere die andere Sonde in der anderen Ecke. Nimm deine ETC-Schnur (oder 3mm mit Knoten), lege sie um beide Sonden und schneide schräg nach unten, wobei das Ende der Säule etwa 120 cm breit ausläuft. Nimm deine Schneesäge und trage die Wände deiner Säule mithilfe der Sonden als Führungslinien im quadratisch ab. Überprüfe, ob eine Seite dicker als die andere ist, und schlage hier auf die Oberfläche. Ziehe nun diese Testsäule aus der Grube und wiederhole den Test. Auf diese Weise hast Du zwei Ergebnisse. Wenn du erst einige dieser Tests durchgeführt hast, schaffst Du das bald in nur 15 Minuten. Das lohnt sich doch, oder?

Einen guten Ratschlag zum Abschluss?

Mit meiner Präsentation und Interpretation dieser Ergebnisse ziehe ich eine sehr klare Grenze.  Irgendwann ist das möglicherweise nicht mehr notwendig. Aber mit unserem aktuellen Wissensstand bezüglich Lawinenmechanik steht diese Grenze für mich. Häufig sehe ich bei einer Schneeanlayse diese Bruchausbreitung, drehe um, und nur eine Stunde später sehe ich 10 bis 12 Spuren auf dem selben Hang. Das mag frustrierend erscheinen, ist es aber nicht. Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen, und jeder hat eine ganz persönliche Auffassung zu dem Thema. Ich denke mir immer, es gibt Jahreszeiten oder bestimmte Schneeverhältnisse, bei denen Du fast kein Bruchpotential demonstrieren kannst, also warum warten wir nicht, bis diese Zeit kommt? In den Bergen musst Du meiner Erfahrung nach eine gewisse Geduld aufbringen. Für mich gehört es einfach dazu, die richtigen Verhältnisse abzuwarten.

—Interview von Jeff Burke

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Bill Anderson ist Bergführer für Exum Mountain Guides und Avalanche Instructor der Stufe 3 am American Avalance Institute. Er ist vollständig akkreditierter Bergführer der American Mountain Guides Association.


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