QC Lab: Risiken von durch Seilreibung eingeschliffenen Karabinern

kp


Vor einigen Wochen kam es an der Red River Gorge zu einem Unfall. Ein Kletterer stürzte auf dem Weg zum zweiten Bohrhaken. Sein Seil wurde vollständig vom scharfkantigen Karabiner der Schlinge im ersten Bohrhaken, in dem das Seil eingehängt war, durchtrennt: http://www.redriverclimbing.com/viewtopic.php?f=21&t=13270

Vielleicht erinnerst du dich an frühere Tests und Berichte zu diesem Thema:

http://www.blackdiamondequipment.com/de-de/journal/climb/qclab/qc-lab-how-sketchy-is-a-ropeworn-sharpedged-carabiner

Ich hatte berichtet, dass ich Seile gesehen hatte, deren Mantel von eingeschliffenen Karabinern verletzt wurde - üblicherweise mitten in einer Route. Später hörte ich von einem Unfall in einer Kletterhalle in Tschechien. Hier hatte ein vom Seil stark eingeschliffener Karabiner (ebenfalls am ersten Haken) das Seil vollständig durchtrennt, sodass der Kletterer zu Boden gestürzt war. Gottseidank wurden die Kletterer in keinem dieser Fälle schwer verletzt.

qc

Welche Karabiner werden eigentlich stark eingeschliffen und warum?

Nach meinen Beobachtungen in vielen Routen über das ganze Land verteilt sind mir drei Orte aufgefallen, an denen häufig fixe Karabiner mit tiefen Schleifspuren zu finden sind:

  • Erster Haken
    Die sichernde Person ist meistens zu weit von der Wand entfernt. Dies führt zu einem steilen Winkel im Seil von der sichernden Person zum ersten Karabiner und dann die Route hinauf. Beim Ablassen der kletternden Person schleift das häufig staubige Seil langsam aber sicher eine Kerbe in den Karabiner. In beiden Fällen, bei denen das Seil vollständig durchtrennt wurde, geschah dies am ersten Haken.
  • Haken neben Schlüsselstelle
    Viele Kletterer werden am selben Karabiner abgelassen (und stürzen an der Schlüsselstelle in denselben Haken). Dies hat den gleichen Effekt wie oben beschrieben. Der steile Winkel, mit dem das Seil durch den Karabiner läuft, und das Gewicht des Kletterers, der abgelassen wird, ermöglicht ein langsames Abschmirgeln des seilführenden Karabiners.
  • Haken, die sich ausserhalb der Linie befinden
    Befindet sich ein Bohrhaken ausserhalb der geraden Linie nach oben, kann dies ein Abschleifen des entsprechenden Karabiners zufolge haben. Auch in diesem Fall läuft das Seil in einem steilen Winkel über die Karabineroberfläche.

qc

Tests:

Wir haben schon früher einige Tests durchgeführt. Wir wollten jedoch einige schnelle Tests an unserem Drop Tower durchführen. Uns interessierte, welche Kräfte auf einen scharfkantigen Karabiner einwirken müssen, um ein Seil zu durchtrennen. Wir wählten ein gravierendes aber realistisches Belastungsszenario.

Setup

  • Eingeschliffener Karabiner mit scharfer Kante (für den Test wurde der Karabiner im vorangehenden Foto verwendet)
  • 80 kg Gewicht
  • Brandneues 10,2 mm Seil
  • Ein schwerer aber realistischer Sturz
  • Statische Sicherung

Ergebnis

  • Das Seil wurde beim ERSTEN Sturz durchtrennt (siehe Foto unten)
  • Maximal erreichte Belastung - ~7 kN


qc

Diskussion

Was ist also bedeutet dieses Ergebnis? Was bedeuten 7kN am Sicherungspunkt? Welche Bedeutung hat das für dich, die Ausrüstung und das Seil?

Also... Stürze mit 7 kN können am Fels auftreten.  Unter den folgenden Umständen kann diese Situation vorkommen:

  • Wenn noch nicht viel Seil ausgegeben wurde (z.B. am Routenstart). Wenn erst wenig Seil ausgegeben wurde, kann das Seil nur wenig Sturzenergie absorbieren.
  • Wenn die Sicherung fast statisch erfolgt (z.B. wenn die sichernde Person das Seil einzieht oder sogar einen Schritt zurücktritt, um zu verhindern, dass der Kletterer auf den Boden stürzt). Die Belastung nimmt durch dynamisches Sichern ab und durch statisches Sichern zu.

Der Kletterer spürt diese Art der Stürze auf unangenehme Weise. Die Nieren werden gequetscht, die Hüften geprellt und selbst die Füsse können nach dem harten Auftreffen auf die Wand schmerzen. Ich habe schon viele Kletterer gesehen, die in den ersten oder zweiten Haken gekracht sind - meistens gefolgt von Flüchen und einem genervten „Ablassen".

Erfolgt ein solcher Sturz früh in der Route in einen eingeschliffenen Karabiner, und das Seil läuft in einem ungünstigen Winkel über die scharfe Kante der Kerbe (die sichernde Person steht mit einiger Entfernung zur Wand), kann diese Situation zu Beschädigungen am Seil führen oder das Seil vollständig durchtrennen.

Zusammenfassung

Ich möchte keine ethische Debatte daraus machen, ob fixe Expressschlingen in der Route belassen werden sollten oder nicht. Es gibt jedoch einige Vorsichtsmassnahmen, um die Belastung auf fixe Schlingen zu reduzieren:

  • Beim Sichern und beim Ablassen nahe an der Wand stehen.
  • Bei Routen mit fixen Schlingen am ersten Bohrhaken eine eigene Expressschlinge verwenden.
  • An Bohrhaken „ausserhalb der Linie" lange Schlingen verwenden, um die Seilreibung zu vermindern.
  • An stark beanspruchten Sicherungspunkten fixe Schlingen mit Stahlkarabinern verwenden.

Und natürlich ist es wichtig im Interesse aller Kletterer, abgenutzte und beschädigte fixe Schlingen auszutauschen.

Pass gut auf dich auf.

KP